Allgemein · 26. Oktober 2026

KI in der Pflege: Die Entlastung kommt nicht von allein

KI in der Pflege: Die Entlastung kommt nicht von allein

Wer heute in einem Pflegeheim oder einer Spitex arbeitet, kennt beide Gefühle: die Hoffnung, dass Künstliche Intelligenz endlich die Dokumentationslast senkt – und die Skepsis, ob da nicht einfach das nächste System kommt, das mehr Arbeit macht statt weniger. Beide Gefühle sind berechtigt. Das zeigt jetzt eine der gründlichsten wissenschaftlichen Arbeiten zu dieser Frage.

Was die Studie untersucht hat

Ein Forschungsteam um Seda Sarıköse hat im «International Journal of Nursing Studies» – einer der führenden pflegewissenschaftlichen Fachzeitschriften – einen systematischen Review veröffentlicht: 20 Studien aus acht Ländern, 15 Jahre Forschung, ausgewertet nach den strengen PRISMA-Leitlinien. Die Frage: Was machen KI-gestützte Arbeitsabläufe – von der automatisierten Dokumentation über Telehealth-Triage bis zur klinischen Entscheidungsunterstützung – mit der Arbeitsbelastung, dem Wohlbefinden und der Verweildauer von Pflegenden im Beruf?

Die Ergebnisse: ermutigend – mit einem grossen Aber

Die gute Nachricht zuerst: In der Hälfte der Studien sank die Arbeitsbelastung messbar. Das emotionale Wohlbefinden und die Arbeitszufriedenheit verbesserten sich in 13 von 20 Studien, und ebenso viele fanden günstige Effekte auf die Nachhaltigkeit der Belegschaft – also darauf, ob Pflegende im Beruf bleiben.

Aber: In einem Teil der Studien waren die Effekte gemischt, in einzelnen nahm die Belastung sogar zu. Die Forschenden nennen das Phänomen beim Namen: das «Technologieparadox». Dieselbe Technologie, die entlasten soll, kann kognitive Anforderungen und Technostress erhöhen – wenn sie schlecht eingeführt wird.

Der entscheidende Befund: Es kommt auf die Einführung an

Der wichtigste Satz des Reviews steht in der Schlussfolgerung: Die breiteren Vorteile für die Belegschaft stellen sich nicht automatisch ein. Sie hängen von sozio-technischen Rahmenbedingungen ab. Die Forschenden benennen die Erfolgsfaktoren präzise: Schulung. Vertrauen in die KI. Benutzerfreundlichkeit. Integration in die bestehenden Arbeitsabläufe. Ethische Klarheit. Und dauerhafte Unterstützung bei der Implementierung.

Anders gesagt: Nicht die KI entlastet. Die gut eingeführte KI entlastet. Dieselbe Software kann in der einen Institution Burnout-Prophylaxe sein und in der anderen ein zusätzlicher Stressfaktor – der Unterschied liegt nicht im Werkzeug, sondern darin, wie Menschen darauf vorbereitet werden.

Was das für Heime und Spitex in der Schweiz bedeutet

Für die Schweiz ist dieser Befund doppelt relevant. Der Personalmangel in der Pflege ist dokumentiert und verschärft sich mit der Pensionierung der Babyboomer-Generation weiter – jede Stunde, die nicht in Administration fliesst, ist eine Stunde am Menschen. KI wird deshalb kommen, flächendeckend. Die Frage, die Heimleitungen und Spitex-Verantwortliche heute beantworten müssen, lautet nicht ob, sondern wie: Führen wir diese Werkzeuge so ein, dass unsere Teams sie beherrschen und ihnen vertrauen – oder lassen wir die Mitarbeitenden damit allein und ernten das Technologieparadox?

Die Evidenz gibt dafür eine klare Handlungsanleitung: Investiert nicht nur in die Software, sondern in die Menschen, die sie nutzen. Schulung ist kein Nice-to-have der Digitalisierung. Sie ist, das zeigt dieser Review, die Bedingung dafür, dass sich die Investition überhaupt auszahlt – in entlastete Teams, in Zufriedenheit, und am Ende darin, dass Pflegende im Beruf bleiben.

Aus der Praxis, für die Praxis

Ich habe selbst als Pfleger gearbeitet – im Pflegeheim, im Spital, in der Spitex. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie viele Stunden einer Schicht in die Dokumentation fliessen. Und ich weiss, was jede Pflegeperson dabei denkt: Diese Zeit möchte ich lieber bei den Patientinnen und Patienten verbringen. Genau hier ist KI eine Brücke – wenn wir uns von der Entwicklung nicht abschrecken lassen, sondern umdenken und sie zugunsten der Menschen nutzen: weniger Zeit am Bildschirm, mehr Zeit am Menschen.

Heute nutze ich KI täglich in meinen eigenen Betrieben – in der Betreuungsorganisation, in der Bildungsarbeit, in der Administration. Und ich sehe in meiner Arbeit als Ausbilder jede Woche, wo die Hürden wirklich liegen: nicht in der Technik, sondern im sicheren, kritischen, datenschutzkonformen Umgang damit.

Genau dafür haben wir bei MediCare unsere neuen Weiterbildungen entwickelt: KI im Pflegeheim, KI in der Spitex, und Pflegeprozess und Pflegediagnose mit KI – praxisnah, aus der Pflege heraus, mit einer klaren Haltung: KI ist ein Werkzeug. Die fachliche Verantwortung bleibt bei der Pflegefachperson.

Quellen

Sarıköse S, Sengul T, Kozan Çıkırıkçı EH, Kirkland-Kyhn H: Artificial intelligence-enabled workflows in nursing and their impact on workload, emotional well-being, and workforce sustainability: A systematic review. International Journal of Nursing Studies, 2026.

Zur Personalsituation in der Schweizer Pflege: Analysen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) und Berichterstattung, u.a. SRF zum Pflegenotstand.

Alle Beiträge